Vegetarismus

Indien ist weltweit das Land mit den meisten Vegetariern. Etwa 40 Prozent der indischen Bevölkerung folgen der vegetarischen Lebensweise. Kaum ein Ayurveda-Arzt dort isst Fleisch. Daraus schließen viele, dass im Ayurveda der Konsum von Fleisch wohl verboten sei – aus gesundheitlichen, ethischen und spirituellen Gründen. Viele westliche Autoren ayurvedischer Bücher bestätigen diese Vermutung. Aber entspricht sie auch tatsächlich klassisch-ayurvedischen Richtlinien?

Fakt ist:

Im Ayurveda ist nichts verboten. Anstelle von Gebots- und Verbotslisten treten individuelle Empfehlungen von zuträglicher und abträglicher Nahrung. Die Fleisch oder Vegetarismus-Debatte wird jedoch oft sehr emotional und bewertend geführt, manchmal auch radikal. Wir wollen daher an dieser Stelle das Thema versachlichen.

Die meisten Ayurveda-Ärzte Indiens sind gläubige Hindus und folgen dem Gebot von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit. Ahimsa schließt also das Töten und Verzehren von Tieren aus. Auch der Ayurveda sieht aus dieser Perspektive fleischliche Kost kritisch.

Aus gesundheitlicher Sicht ergibt sich ein erweitertes Bild. Fleisch (Mamsa) wird als eine von zwölf Nahrungsmittelgruppen angesehen und als nahrhaft geschätzt: „Kein Lebensmittel übertrifft Fleisch in seinen nutritiven Qualitäten“! Die Caraka Samhita beschreibt die Eigenschaften und Wirkungen einzelner Fleischsorten umfangreich.

Hier einige Beispiele

  • Schweinefleisch ist schwer, fett, muskelbildend, schweißtreibend, aphrodisiakisch, fördert Stärke und beseitigt Müdigkeit.
  • Hühnerfleisch ist weder schwer noch heiß oder süß, reguliert alle drei Doshas und vor allem Vata.
  • Rindfleisch ist hilfreich bei ausschließlicher Vata-Erhöhung, Schnupfen, irregulärem Fieber, trockenem Husten, Müdigkeit, exzessiver Verdauung und Stoffwechsellage sowie bei Muskelschwund.
  • Wachtelfleisch ist astringent, süß, verdauungsfördernd und senkt alle drei Dosha.
  • Ziegenfleisch ist nicht sehr fett, weist eine ausgeglichene Thermik auf, stört kein Dosha, ist homolog zur menschlichen Muskulatur, blockiert keine Körperkanäle (Sratos) und ist nahrhaft.

Aus diesen Zeilen lässt sich erkennen, dass im traditionellen Ayurveda Fleisch zu medizinischen Zwecken eingesetzt wurde.

Die grundlegende Orientierung ist jedoch eindeutig der Vegetarismus, zur pflanzlichen Nahrung kommen also noch Milchprodukte wie Kuhmilch, Ghee, Joghurt und Buttermilch hinzu.

Fazit: Ayurveda isst flexitarisch

Hoher Fleischkonsum belastet unseren Körper, es entsteht Ama (Verdauungs- und Stoffwechselrückstände) und Raktadushti („verunreinigtes Blut“). Daraus können viele Krankheiten von Herz und Kreislauf, Magen und Darm, Gelenken und der Haut entstehen. Geistig widerspricht das Töten und Verzehren der Beute aus reiner Lust am Genuss einem Sattva orientierten reinen und gewaltlosen Lebensstil.

Zugleich kann uns Fleisch aufbauen, wenn wir erschöpft sind, unter Gewebeverlust leiden und an Gewicht verloren haben. Der Einsatz zu medizinischen Zwecken kann daher im Einzelfall sinnvoll und erforderlich sein. Deshalb gilt im Ayurveda folgende Faustregel:

Besser ohne, wenn nötig mit – aber dann in Maßen und ausschließlich in Bio-Qualität.

Alles Gute für Ihre Gesundheit!

Quelle:

Ayurveda Journal 41 · Seite 8

 

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